Mit einer ordentlichen Portion Respekt kam ich damals zu meinem ersten Herrentraining, denn die ein oder andere Landesligalegende war ja noch dabei. Ich war ungewöhnlich spät an diesem Tag und als ich die Kabine kam, war ich zwischen den bereits anwesenden Spielern ganz schön eingeschüchtert. Zwischen den sachlichen Gesprächen wurde ich kurz gemustert, aber so richtig Notiz nahm keiner von mir. "Mein" Platz in der Kabine war belegt, also zog ich von Dannen in die Gästekabine. Nachdem ich mit den anderen Nachwuchskickern Bälle und Trainingsmaterialien auf den Platz gebracht hatte, reihten wir uns beim 4 gegen 2 ein. Angespielt wurde ich nur im Notfall. Nach einiger Zeit dann doch mal der Ball bei mir und zack, Tunnel gegen eine der Legenden. Es schien zu helfen, denn gleich kam der Ball wieder zu mir. Schritt zum Ball, den passe ich nach...RUMMS...schon lag ich. Mein lieber Mann, diese Lektion hatte ich gelernt. Man schwamm somit im ersten Training, bekam auch mal ein Lob, aber meistens bellte irgendwer Befehle und ich wusste, dass die Jungendzeit zu Ende war. Für den Kader der Ersten reichte es für viele Jugendspieler wie mich lange nicht, wir spielten Zweite und waren froh, wenn wir nach dem Spiel noch bei der Ersten auf die Bank durften, wo - ich zumindest - meistens 90 Minuten stillschweigend saß. Nach Monaten gehörte ich dann erstmals zum Kader der Ersten und war froh, wenn die Legenden meinen Namen kannten und in der Kabine mit mir sprachen. Wenn es für ein paar Minuten Einsatzzeit gereicht hat, war der Sonntag gerettet.

Wenn ich heute vor dem Training meine Übungen aufgebaut habe, die Bälle rausgebracht habe und nochmal in die Kabine schaue, sind die Nachwuchskicker meistens schon von draußen lautstark zu hören. Meine Begrüßung geht im Geschrei über "geile Weiber" oder Wochenendeskapaden manchmal einfach unter. Benehmen ist bei allem Talent, was die Jungs zweifelsohne besitzen, oft nicht ihre Stärke. Auf dem Platz geht's dann weiter. Im Viereck bleiben Tunnel unbestraft und werden bejohlt und gefeiert, wie ein Tor. Bei Spielen ist auf der Bank immer viel Action, das Spiel scheint Nebensache zu sein, aber nach dem Spiel schaue ich dann oft in enttäuschte Nachwuchsspielergesichter. Ich kann es durchaus verstehen, ich war auch oft genug angefressen, wenn ich mal wieder nicht oder nur kurz gespielt habe, aber ich konnte es einordnen. Jeder Spieler, egal ob alter Haudegen oder Talent, hat das Vertrauen des Trainers, auch wenn er mal nicht zum Einsatz kommt. Aber wie auch bei mir damals - oh Gott, ich werde alt - und einigen der jetzigen Mannschaft, dauert es nun mal bis sich Einsatzzeiten ergeben.

Vertrauen zeigte Trainer Kenneth Schuller in seine Spieler aus dem Breitenbergspiel. Nach der guten Leistung musste einzig der angeschlagene Serhat Akdas mit einem ungeliebten Bankplatz vorliebnehmen und Abwehrchef Kosta Panagiotudis rückte zurück ins Team.
Bereits beim Aufwärmen konnte ich erkennen, dass das Spiel gegen Breitenberg Kraft gekostet hatte und viele schwere Beine über den Platz schlichen. Auch die Gastgeber aus Petershütte waren bereits am Freitag aktiv und so zeigten beide Seiten zuerst hauptsächlich Sommerfußball. Die Wege fielen einigen Akteuren sichtbar schwer und Kapitän Thomas Henkel musste nach "Alter Schule" verbal antreiben. Nach 20 Minuten die erste Chance für TuSpo. Passives Abseits am rechten Flügel, Flanke auf den langen Pfosten, aber zum Glück für den SCH ging der Kopfball über den Querbalken. Auf der anderen Seite war es wieder Vincent Rudolph mit einem seiner Freistöße, der für etwas Gefahr sorgte, aber den erfahrenen Marko Sukup vor keine großen Probleme stellte. Ex-Hütter Marvin Strauß eroberte nach einem Fehler im Spielaufbau den Ball und hatte die Führung auf dem Fuß, lupfte aber über das Tor.

Die Heimelf kam nach der Pause besser ins Spiel und wäre trotzdem fast in Rückstand geraten. Marvin verlängerte per Kopf auf Stefan Gebauer, dessen Hereingabe nach kurzem Dribbling der mitgelaufene Clemens Dierks nur knapp verpasste. Dann erwischte uns die kalte Dusche. Daniel Gobsa verarbeitete einen Diagonalball auf die rechte Seite, zog in Robben-Manier nach innen und schob das Spielgerät zur Führung ins lange Eck. Nun war nochmal der zuletzt so starke Wille der SCH-Akteure gefordert. Der eingewechselte Serhat Akdas versuchte es nach einer abgewehrten Ecke mit einem Kunstschuss aufs lange Eck. Sukup konnte klasse parieren. Man kann den Jungs nur ein Kompliment aussprechen, denn alle gingen nochmal an die körperliche Grenze. Dass der Ausgleich doch noch gelang, freute mich vor allem für einen, der in letzter Zeit auch oft auf der Bank saß und durch eine ähnliche Schule ging wie ich. Es war nämlich die Hereingabe von Benny Geisler, die Serhat in den Winkel köpfte und uns somit einen weiteren, vielleicht noch wichtigen Punkt bescherte.

Während ich diese Zeilen schreibe, vibriert mein Handy und einer der jungen Nachwuchskräfte scheint es verstanden zu haben. Er schreibt, dass er sich im Training wieder mehr anstrengen müsse und es andere im Moment mehr verdient haben zu spielen. Respekt für diese Erkenntnis. Vielleicht ist der ein oder andere ja doch schon erwachsener, als es ihr lautes Getöse vermuten lässt. Im Grunde sind es halt doch alles gute Jungs mit ausbaufähigen Manieren.

Marcel Bernhardt


Für den SC spielten: Möller - Giesecke (78. Geisler), Panagiotudis, Rudolph, Dierks (70. N. Luthin) - Henkel - Goslar (52. Akdas), Sommerfeld, Heitmüller, Gebauer - Strauß

Bank: M. Tutic, D. Kajevic, Koch, Bernhardt